Buch

Leseprobe aus dem Param Verlag

 

Infos und Leseprobe: www.param-verlag.de

 

Rezension für „und wenn sie nicht gestorben sind“ 2007, Kreuz Verlag

aus: Märchenspiegel, Zeitschrift für internationale Märchenforschung und Märchenpflege

Herausgeber: Märchen-Stiftung Walter Kahn, Verlag: Schneider Verlag Hohengehren

 

„Es gibt nichts in der menschlichen Existenz, das das Märchen nicht schildern würde.“ So schreibt Sigrid Früh in einem kleinen Vorwort zu diesem Buch und fährt fort: „Der Tod gehört zum Leben wie die Nacht zum Tag, auch wenn diese Vorstellung vielen Menschen heute fremd geworden ist, sie sogar ängstigt.“

 

 

  • Aus dem Märchenspiegel – Buchbesprechung Seite 2

 

Das Märchen weiß, dass Nicht-Sterben-Können einem Fluch gleichzusetzen ist, dass der Tod nichts Endgültiges bedeutet, sondern ein Tor zu neuem Leben.  Die offene Symbolsprache der Volksmärchen erlaubt es, dass alle nur denkbaren existenziellen Lebensfragen, auch einer modernen Gesellschaft, an die Märchen herangetragen werden können – und je nach Interessenslage oder Betroffenheit des Fragenden geben sie mehr oder minder deutliche Antworten, die als Lebenshilfen und Wegweisungen verstanden werden können. Wichtig allerdings wäre, dass der Fragende durch sein spezielles Interesse sich nicht den Blick auf das jeweilige Märchen verstellt und seine zielorientierte Meinung dem Volksmärchen nicht aufzwingt.

 

Jana Raile, Erzählerin und Seminarleiterin zum Thema  Seelenbilder im Märchen, und Hannelore Sommer, Heimleiterin mit jahrelanger Erfahrung in der Hospizarbeit, haben ein Lese- und Vorlesebuch, ein Übungs- und Erfahrungsbuch mit Märchen als Wegbegleiter für Abschied. Tod und Trauer erarbeitet.

 

 

  • Aus dem Märchenspiegel – Buchbesprechung Seite 3

 

Ein einführendes Kapitel „Märchen als Wegbegleiter“ spricht in essayistisch-assoziativer Form „Krisen und Lösungen“ im menschlichen Leben an und setzt sie mit typischen Märchenhandlungen und ihren symbolischen Lösungen in Beziehung. Es folgen Hinweise zum „Erzählen im Seelenbild“ mit den Aspekten „Magie des Erzählens; Märchenbilder; Aufgaben des Erzählers, der Erzählerin; Klischees; Menschen im Märchen; Der Tod und das Märchen“. Unter sieben unterschiedlichen Aspekten wie „Der Tod in Gestalt; Trauer und Verdrängung; Humor als Lebenskraft; Die Unter- und Anderswelt; Todessehnsucht; Abschied nehmen; Himmel und Hölle“ versammeln die Autorinnen insgesamt 22 Märchen: acht aus der Sammlung der Brüder Grimm, die übrigen aus Europa, dem Orient, Asien und Amerika. Den Abschluss bilden sechs Sitzungsprotokolle aus einer Gruppenarbeit, die über ein Jahr in einem Seniorenheim mit acht bis zwölf Teilnehmern/Teilnehmerinnen im Alter von 70 bis 95 Jahren von Hannelore Sommer durchgeführt wurde. Darin enthalten sind weitere fünf Märchentexte.

 

 

  • Aus dem Märchenspiegel – Buchbesprechung Seite 4

 

Die einzelnen Kapitel sind stets gleich strukturiert: Einer knappen Entfaltung der je besonderen Fragestellung des Kapitels (z.B. Der Tod in Gestalt) folgen drei oder vier Märchentexte. Jedem Märchen (Der Gevatter Tod, KHM 44; Die Boten des Todes, KHM 177; Frau Trude, KHM 43, Brüder Grimm; Juan Holgado und Frau Tod, Spanien) sind einige Stichwörter vorangestellt, die Hinweis geben sollen auf spezifische Bilder oder Problemstellung gerade dieser Geschichte, um somit die Auswahl der Märchen für die je besondere Situation der Betroffenen zu erleichtern. Bei Der Gevatter Tod z.B. sind dies „Lebenslicht, Kampf, Ohnmacht“. Alle Stichwörter sind in einem alphabetischen Register am Schluss des Buches noch einmal aufgeführt, um schnell die passenden Märchen zu finden.

 

An den Märchentext schließen sich „Gedanken“ an, die paraphrasierend einige Bilder aus dem Märchen in den Blick nehmen, „die den Menschen in seinem individuellen Prozess von Abschied, Trauer und Tod begleiten können“. Hierauf folgen „Übungen“, die Leser wie Hörer einladen wollen, in Stille und Meditation „einen Aspekt des Märchens näher zu erfühlen“.

 

 

  • Aus dem Märchenspiegel – Buchbesprechung Seite 5

 

Diesem Kapitel folgen Ausführungen zu zentralen „Symbolen“ des jeweiligen Märchens, die nach C.G. Jungs Archetypen aus dem jeweiligen Text, aber auch aus verschiedenen kulturellen Zusammenhängen beleuchtet werden. An Sprichwörtern und Redensarten wird gezeigt, „dass die Urbilder bis heute in unserer Kultur verankert sind". Jedes Kapitel wird mit einem „Fallbeispiel“, v. a. aus der Praxis der Mitautorin Hannelore Sommer beschlossen, das zeigen soll, wie ein Angehöriger, ein Trauernder, der Sterbende selbst durch ein Märchen Trost finden und/oder zum Nachdenken über seine Situation, seine Seelenlage, zu Einverständnis und Loslassen geführt werden kann. Das Buch stellt sich als Arbeitsbuch dar mit Anleitungen zum Gebrauch im Umgang mit „Märchen als Wegbegleiter für Abschied, Tod und Trauer“. Die Arbeitsgrundlage bilden somit die ausgewählten Märchentexte.

 

Zu den bereits erwähnten Grimmschen Märchen, die schon vom Titel her auf das Generalthema verweisen, wie auch Das Totenhemdchen (KHM 109) und Die Lebenszeit (KHM 176), kommen noch Dornröschen (KHM 50), Frau Holle (KHM 24) und Die Sterntaler (KHM 153). Aus mehr oder minder fremden Kulturen sind weitere neunzehn Texte sehr unterschiedlicher Erzählqualität ausgewählt worden. Da das Buch nicht nur für Märchenkenner und Märchenliebhaber, sondern als Hilfe für Menschen in einer Ausnahmesituation gedacht ist, erscheinen allerdings einige Texte für einen unmittelbaren Zugang eher ungeeignet: So ist das spanische Märchen Juan Holgado und Frau Tod, das Motive der Grimmschen Märchen Der Gevatter Tod und Die Boten des Todes miteinander verschränkt, in seiner gestelzten ironischen Erzählweise, mit aufdringlichem Wortwitz, so sehr Literatur des 18./19. Jahrhunderts, dass es den heutigen Leser oder gar Hörer nicht wirklich berührt, wenngleich der Schluss - mit warnend erhobenem Zeigefinger - die Verdrängung des Todes dem Hörer unmissverständlichvorhält. Auch die von Jana Raile aus den Gesängen 11 bis 15 des finnischen Nationalepos Kalevala erarbeitete Prosakurzfassung Lemminkäinen wirkt in ihren düster mythischen Bildern und den eingeschobenen Verspassagen eher fremd und abweisend. Wenig ansprechend empfindet der Rezensent auch das Legenden-Märchen Die Alte und das Feuer aus der Provence. Die Kunstmärchen Das Mädchen mit den Schwefelhölzern und Die Teekanne von Hans Christian Andersen sowie Der selbstsüchtige Riese von Oscar Wilde haben nicht die Offenheit und den schlichten Ton wie die aus mündlicher Tradierung geprägten Texte, sind in ihrer Künstlichkeit sentimental und berühren nicht wirklich. Evident wird dies, wenn man nach Wildes Kunstmärchen das darauffolgende nordamerikanische Indianermärchen Das weiße Steinkanu liest, das in seiner Kürze und Schlichtheit unmittelbar anrührt. Dagegen erscheint die Geschichte Das Paradies der Tiere von Herbert Berger dürftig. Trotz dieser Bedenken versammelt der Band mit den acht Grimmschen Märchen sowie mit Frau Holles Apfelgarten (Litauen), Der Tod im Pflaumenbaum (Frankreich), Der Mutter Fluch und Segen (Irland), Orpheus und Eurydike (Griechenland, Erzählfassung Jana Raile), Schneekindlein (Russland), Nachtfalter (Sufi-Geschichte, bei der einem sofort Goethes Selige Sehnsucht in den Sinn kommt), Das weiße Steinkanu (Indianer Nordamerikas), Der Engel des Todes (Persien), Der Samurai (Japan), Die Flucht (Orient), Die drei Spiegel der Zauberin (Flandern) und Was die Menschen brauchen (Philippinen) eine bunte Vielfalt unterschiedlicher, sprachlich schön erzählter Märchen. Während die Märchentexte lediglich 52 Seiten einnehmen, stehen diesen, neben 20 Seiten allgemeiner Einleitung, 73 Seiten Kommentar (Gedanken, Symbole), 24 Seiten Übungsanleitungen und 15 Seiten Fallbeispiele als Verstehenshilfen gegenüber sowie 28 Seiten Protokoll. Die "Gedanken" werden entwickelt, indem markante Stellen des Märchens nacherzählt und mit allgemeinen Erfahrungen und Vorstellungen von Tod und Sterben in Beziehung gesetzt werden. Das kommentierende Paraphrasieren birgt aber die Gefahr in sich, dass sich unbemerkt Sinnverschiebungen einschleichen. Wenn die "Gedanken" zu Der Gevatter Tbc/beginnen: "Der Knabe hat einen klugen Vater. Er wählt den Tod als Gevatter für seinen Jüngsten, denn wer den Tod 'zum Freunde hat, dem kann's nicht fehlen'", so entsteht der Eindruck, als wäre das Zitat des Märchentextes die Begründung des Vaters für seine Wahl. In Wahrheit ist es ein Ausspruch des Todes über sich selbst. Der Vater wählt ihn zum Gevatter mit einem Seitenhieb auf Gott und Teufel: "Du bist der Rechte, du holst den Reichen wie den Armen ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann sein An anderer Stelle des Kommentars heißt es: "Der Pate schenkt seinem Mündel ein Kraut. Gehen wir einmal davon aus, dass jeder von uns mit Eintritt ins Leben dieses Kraut als 'Wundermittel' besitzt. Das Leben führt uns durch unterschiedliche Phasen, körperliche Veränderungen finden statt, kleine Krankheiten und Zipperlein schütteln uns, aber das Lebenskraut macht uns schnell wieder gesund und gibt uns neue Kraft." Hier wird der Aspekt des Märchens ausgeblendet, dass nur der über das Kraut verfügt, der den Tod als Gevatter hat, dann kann er andere damit heilen, allerdings nur nach den Bedingungen des Todes. Aber ist es auch ein Kraut für Selbstheilung?

 

Da sich das Buch zum auswählenden Gebrauch in Krisensituationen empfiehlt, es also nicht notwendig im Fluss von vorn bis hinten durchgelesen werden muss, sind Zitate im Kommentar, die anderen Märchen entstammen, ohne Verweis nicht glücklich: Wenn es bei Gevatter Tod heißt: "... im Schlaf sieht er [der Mensch] Regeneration und Erholung, aber nicht den 'kleinen Bruder des Todes'", so ist diesem Gedanken leicht zu folgen, die zitierte Metapher aber findet sich erst in einem späteren Verweis auf Homer bzw. im nachfolgenden Märchen Die Boten des Todes, wo vom Schlaf als "leiblichem Bruder" gesprochen wird. Selbstverständlich wollen diese "Gedanken" keine literaturwissenschaftlich exakte Interpretation des Märchens liefern, sondern Anregungen sein, Fokussierung auf einen Teilaspekt im meditativ-emotional schweifenden Umgang mit dem Märchen anbieten. Aber das prüfende Nachfragen bei der Lektüre oder im Gespräch muss selbstverständlich hinzutreten, dann sind die Gedanken-Impulse für jemanden, der mit Märchen wenig Erfahrung hat, sicher hilfreich. Allerdings: Je sparsamer die Impulse gesetzt werden, desto besser. Dem nur etwas mehr als eine Seite umfassenden Kommentar zu dem eineinhalb Seiten langen Märchen Die Boten des Todes kann der Rezensent ohne Wenn und Aber folgen. Die Deutung von Frau Trude, das als erzähltes Märchen von drei Minuten, knapp einer Seite im Druck, bei Erwachsenen zumeist auf Ablehnung oder Schaudern stößt, wird im zweiseitigen Kommentar auf höchst erstaunliche Weise gedeutet. Einmal geht die Autorin sehr präzis dem Wortlaut der Geschichte nach, bedenkt die Bedeutung von "vorwitzig": "Der Witz, das eigentlich Lebendige, Leichte, ist vom Vorwitz verdrängt. Sie ist neu-gierig, gierig wonach?" Zum ändern geht sie etymologisch der Bedeutung des Namens "Trude" nach: "Frau Trude ist die FRAU, die Urfrau, das Leben an sich. Frau Trude spiegelt das Leben mit all seinen Facetten und Farben: Schwarz für Sterblichkeit und Tod: der Köhler. Grün für Wachstum und Wandel: der Jäger. Rot für Schmerz und Leid: der Metzger." Mit den "Gedanken" zu Dornröschen hat der Rezensent arge Probleme: "Die dreizehnte Fee, die hier den Tod symbolisieren könnte, wird einfach nicht zum Fest geladen. Doch geladen oder nicht, zum Leben gehört der Tod und die dreizehnte Fee lässt sich nicht aussperren. [...] 'Sie wollte sich dafür rächen, dass sie nicht eingeladen war.' Wie oft erscheint der Tod den Sterbenden oder auch den Hinterbliebenen als ein Racheakt?" - "Die zwölfte Fee kann den Wunsch nicht ändern, nur mildern. 'Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.' In den 70er Jahren gab es in Amerika einen großen Versuch: Unheilbar Kranke wurden eingefroren, mit dem Versprechen, sie wieder aufzutauen, wenn die heilende Arznei gefunden ist. Stellen Sie sich einmal vor, Sie werden jetzt, Anfang des 21. Jahrhunderts, eingefroren und wachen im 22. Jahrhundert wieder auf." - " Von der Tochter erfahren wir, dass sich alle Wünsche der Feen erfüllen. Sie scheint eine gesunde Neu-gier [auf das Leben?] zu entwickeln, denn an ihrem Geburtstag 'ging es allerorten herum [...], wie es Lust hatte'. Sie hat noch nie eine Spindel gesehen. Die Spindel könnte Sinnbild für den Lebensfaden sein, den sie jetzt spinnen will. Der Mensch hat viele Pläne für sein Leben. Er will das "Gesponnene" verwirklichen, erleben. Genau da sticht sich die Königstochter in den Finger und fällt in einen tiefen Schlaf. 'Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes', sagte schon Homer. Hundert Jahre sind mehr als ein Menschenleben zählt." Es sind die sprachlichen Ungenauigkeiten, die ungeschickten Formulierungen, die stören: Selbstverständlich verändert die zwölfte Fee den Wunsch der dreizehnten, sie kann ihn nur nicht aufheben; nicht 'von der Tochter', sondern durch den Erzähler erfahren wir: "An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämtlich erfüllt." Stärker aber noch irritieren die unmittelbaren Übergänge von der Wirklichkeit des Märchens in unsere heutige Realität, von einer angenommenen symbolischen Deutung (die dreizehnte Fee könnte den Tod symbolisieren) in die faktische Wirklichkeit ("zum Leben gehört der Tod und die dreizehnte Fee lässt sich nicht aussperren"). Die Märchenzeit von hundert Jahren wird fraglos mit hundert Jahren in der Realität gleichgesetzt. Und die "Spindel" ist nicht Symbol für den Lebensfaden, sondern sie verweist auf den "Lebensfaden", den die "Schicksalsfrau" spinnt und nicht die Königstochter. Es wären weitere Beispiele dieser Art in diesem Kommentar anzuführen. Die Engführung auf Tod und Sterben führt dazu, den schlichten Erzählgang des Märchens aus dem Blick zu verlieren. So wird auch der Schluss nicht mehr bedacht, dass Dornröschen in dem Augenblick, in dem der Prinz "es mit dem KUSS berührt hatte", die Augen wieder aufschlägt, nämlich in dem glücklichen Moment (Kairos)', da gerade die hundert Jahre verflossen waren. Alles, Mensch und Tier und Feuer, erwacht wieder und die "Märchen-Zeit" läuft nach einem totalen Stillstand glücklich weiter: "Und da wurde die Hochzeit des Königsohns mit dem Dornröschen in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende." Die einleitenden Sätze des sechs Seiten umfassenden Kommentars zu Frau Holle, es gäbe viele Wege, Märchen zu deuten und zu verstehen, doch diese Geschichte solle ausdrücklich unter dem Aspekt Tod und Sterbeprozess beleuchtet werden, lassen schon vermuten, was der Rezensent bestätigt findet: Gestützt auf Symbollexika und feministisch-esoterische Literatur versucht Jana Raile "drei seelisch-geistige Stadien", die nach der "spirituellen Sterbebegleitung" der Sterbende durchläuft: "Chaos, Hingabe und Transzendenz", am Frau Holle-Märchen festzumachen. Die Fleißige spinnt, bis ihr das Blut "aus den Fingern sprang". Das zeigt, dass sie "ihre Lebenskräfte so beansprucht, dass das Leben jetzt aus ihr herausfließt und den Lebensfaden rot färbt. Sie ist geschwächt, krank". Diese Szene und die nachfolgenden seien Stadien des Chaos, der Sprung in den Brunnen wie auch die Bewältigung der drei Aufgaben und der Dienst bei Frau Holle werden als Phasen der Hingabe gedeutet, der Gang durch das Tor als Transzendenz: "Liebevoll nimmt der Tod den Sterbenden bei der Hand." Der Weg der faulen Tochter wird als Weg der Trauer gedeutet. Ob diese Interpretation dem Leser das Frau Holle- Märchen erschließt, damit es ihm Wegbegleiter und Trost in seiner Leidenssituation werden kann, darf bezweifelt werden. Aufs Ganze gesehen sind die Kommentare zu den übrigen fünfzehn2 Märchen nicht nur nicht zu beanstanden, sondern zeugen auch von sensiblem Hinhören auf das im Märchen Erzählte wie auf die Lebensumstände, in denen sie als Hilfe angeboten werden sollen. Zum einen liegt dies an den Märchen selbst, weil sie das Thema "Tod" direkter ansprechen, zum ändern in Stringenz und Kürze der Kommentare. Zusatzinformationen aus Mythologie und Symboldeutung sind vielfach erhellend, ohne die Deutung zu überfrachten. In den Übungen sollen mit Methoden des autogenen Trainings, des Yoga, der Meditation, v. a. aber des katathymen Bilderlebens einzelne Motive des jeweiligen Märchens "erfühlt" werden und so einen Übergang zur emotionalen Situation des Trauernden schaffen. Bei dem Märchen Der Gevatter Tod wird z.B. vorgeschlagen, im Anblick einer brennenden Kerze über das "Lebenslicht" zu meditieren, nach den Boten des Todes, sich des eigenen Atemflusses, seines Rhythmus von Ein- und Ausatmung inne zu werden und meditativ mit Assoziationspaaren wie Kommen-Gehen, Aufnehmen-Abgeben, Leben-Tod etc. zu verbinden. In den Kapiteln "Symbol" wird ein reiches Material aus Symbollexika zusammengetragen. Wiewohl interessant, führt mancher Hinweis auch hier vom jeweiligen Märchen weg. Die vorangestellten Redensarten, in welchen das zu besprechende Symbolwort auftaucht, führen selten zum Märchen hin, weil die Redensarten zwar treffend und knapp eine Alltagssituation charakterisieren, das Symbol selbst aber an Tiefe und Gewicht verliert. Wenn z.B. in Bezug auf Frau Holles Apfelgarten der symbolischenBedeutung von "Apfel" nachgegangen wird, von "Dionysos (als) Schöpfer des Apfels, den er der Liebesgöttin Aphrodite schenkte" bis hin zum Apfelland der Kelten, Avalon, "in dem Morgan, die Königin des Todes, herrscht", so mag der letzte Hinweis für das Märchen interessant sein, die Redensarten "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, Äpfel mit Birnen vergleichen, für einen Appel und ein Ei, in den sauren Apfel beißen, ein echter Zankapfel" aber leisten nichts zur Symboldeutung und nichts für das Verständnis des Märchens. Die "Fallbeispiele" schließlich schildern sehr individuelle subjektive Einzelerfahrungen in bestimmten Trauersituationen, die man zur Kenntnis nehmen, aber nicht generalisieren kann. Sie entziehen sich jeglicher Kritik und verweigern sich jeder zielorientierten Anwendung. Das Arbeits-Buch Und wenn sie nicht gestorben sind ... Märchen als Wegbegleiter für Abschied, Tod und Trauer ist für die Praxis geschrieben, und in der Praxis muss es seine Gültigkeit erweisen.

 

Jürgen Janning, Senden

Anmerkungen:

1 Vonessen, Franz: Der richtige Augenblick-Über den Kairos im Märchen. In: Die Zeit im Märchen, hrsg. v. Heindrichs, U. und H.-A. Kassel 1989, S. 35. 2 Die als nicht so geeigneten und die in den Protokollen herangezogenen Texte sind nicht mitgezählt.

 

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